[Rezension] Die gelbe Tapete - Charlotte Perkins Gilman



ISBN: 978-3-99200-040-1
Verlag: Braumüller Verlag
Seiten: 43
Preis Hardcover: 14,90 €
Preis Softcover: 7,00€
Quelle: Braumüller Verlag


Einer jungen, an nervösen Depressionen leidenden Schriftstellerin wird von ihrem Ehemann, einem nüchtern praktischen Arzt, eine Ruhe-Therapie verordnet: Sie soll sich jeder geistigen Betätigung enthalten und auf keinen Fall schreiben, obeohl sie überzeugt ist, dass ihr gerade die literatische Arbeit guttäte. Statt dessen starrt sie, allein in ihrem Schlafzimmer, fortwährend auf die wirr gemusterte gelbe Tapete, und allmählich beginnt sie, hinter dem Muster lebendige Gestalten zu erkennen. Doch das ist nur der Anfang...

Ihr fragt euch bestimmt, wieso ich so ein altes Werk noch lese? Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste und hauptsächliche Grund ist, dass dieses Buch in meiner absoluten Lieblingsserie (American Horror Story - Murder House S01E08) erwähnt wurde und ich dadurch sehr neugierig darauf wurde.
"Das machen die Männer so. Wir sollen uns für verrückt halten, damit sie sich amüsieren können. Kennen Sie das Buch 'Die gelbe Tapete' von Charlotte Perkins Gilman?" (...) SPOILER "Der Mann, ein Arzt, sperrt sie in einem Zimmer im ersten Stock ein, damit sie sich von einer leichten hysterischen Neigung erholen kann. Nachdem sie tagelang die gelbe Tapete angestarrt hat, glaubt sie schließlich, dass in ihrem Muster Frauen gefangen seien. Halb wahnsinnig kratzt sie die Tapete von der Wand, um die Frauen zu befreien. Als ihr Mann schließlich die Tür wieder aufschließt, läuft sie im Kreis herum und, die Tapete dabei berührend, flüstert sie: Endlich bin ich doch noch raus gekommen." SPOILER ENDE
Der zweite Grund ist, dass ich noch ziemlich gerne ältere Bücher lese. Romeo und Julia gehörte dieses Jahr auch zu meiner Leseliste.

Erst einmal muss ich sagen, dass ich durch das Zitat aus AHS eine falsche Vorstellung von der Handlung dieser Kurzgeschichte hatte. Ich erwartete einen Tyrannen von Mann, der seine Frau einsperrt, weil er die Leiden seiner Frau nicht ernst nimmt. Doch wirklich in diesen Raum gesperrt wird sie nicht.
In dieser frühen Zeit war es für die Frau üblich, sich dem Mann zu fügen und eine untergeordnete Rolle zu spielen. Wenn der Mann dann auch noch der persönliche Arzt ist, hat man seine Anweisungen sowieso zu befolgen. Doch die Dame wird weder eingesperrt, noch nimmt der Mann ihre Krankheit auf die leichte Schulter.

Die gelbe Tapete ist das Tagebuch der Protagonistin, die unter (Wochenbett?-)Depressionen leidet. Die beste Therapie zur damaligen Zeit: Ruhekur!
Diese wird ihr auch verordnet; ihr Mann und sie ziehen sogar um, um ihr diese Kur so angenehm und wirksam wie möglich zu gestalten.

Doch was bringt dir eine Ruhekur, wenn du die Ruhe nicht mehr erträgst?
Wie beschäftigst du dich, wenn du dich nicht beschäftigen darfst?
Wie hältst du es aus in einem riesigen Haus - ganz allein? (Fast ganz allein)
Wer hilft dir, wenn du anfängst, Dinge zu sehen, die nicht real sind?
Wie kannst du den Wahnsinn aus deinem Kopf vertreiben und
wie kannst du ihn von der Realität unterscheiden?

Um diese Fragen beantwortet zu haben, kann sich jeder in dieses sehr kurze und doch unglaublich spannende Buch reinlesen. Man schafft es sogar, es binnen eines Tages zu lesen! Es ist nicht sehr einfach formuliert wie heutige Bücher, doch ich liebe diese alte Ausdrucksweise. Es ist deswegen auch nicht gleich schwer zu lesen!
Noch mehr als die "antike" Sprache mag ich allerdings die unterschwellige Kritik an der Stellung der Frau. Der Feminismus ist in jeder Zeile spürbar (der RICHTIGE Feminismus, nicht der heutige "Frauen-stehen-über-Männern"-Möchtegernfeminismus).

Es gab leider eine Stelle, die ich nicht wirklich verstanden habe, aber diese war Gott sei Dank nicht tragend für die Handlung. Ich konnte mir den Rest aus dem Kontext zusammenreimen und wer weiß: Vielleicht hat es ja auch einer von euch gelesen und möchte mit mir darüber diskutieren?

Mein Fazit für "die gelbe Tapete": Meiner Meinung nach könnte dieses Buch gerne im Unterricht behandelt werden. Das Analysieren während des Lesens macht wirklich Spaß, weil es so einfach ist, die Hintergründe von damals zu erkennen. Ich hatte solche Schwierigkeiten, mir diese Tapete vorzustellen und das macht mich bis heute wahnsinnig. Für mich ist dieses Werk ein Klassiker und kann locker mit den großen Dichtern und Deckern mithalten, obwohl es nur eine Kurzgeschichte ist.
Dass sie allerdings so gruselig ist, hätte ich bei weitem nicht erwartet. Happy Halloween! Besonders der letzte Satz hatte es in sich und hat dem Werk noch einmal eine zusätzlich schaurige Note verliehen.


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