[Rezension] Das verlorene Dorf - Rahel Hefti



ISBN: 978-3-9523927-3-7
Verlag: Literaturwerkstatt
Seiten: 466
Preis: 24,50€
Quelle: Rahel Hefti


Die Region Zürich entgeht nur knapp einer Katastrophe, als in den 1970er-Jahren der Damm eines grossen Stausees bricht. Vierzig Jahre später holt das Unglück einen jungen Mann wieder ein.
Realität und Einbildung liegen manchmal nahe beisammen. Davon ist der 18-jährige Stefan überzeugt, seit er und seine Eltern in das verlassene Dorf Wylen gezogen sind. Zu Beginn begrüsst er den Umzug noch als Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit. Doch schon bald fragt er sich, ob er nicht von einem Albtraum in den nächsten gerutscht ist.
Dass an seinem Wohnort mysteriöse Dinge geschehen, ist für ihn ein Faktum. Oder doch nur Einbildung? Selbst Aussenseiterin Rebecca zweifelt seinen Verstand allmählich an. Stefan sieht nur einen Ausweg: Er muss hinter das Geheimnis von Wylen kommen und mit seiner Vergangenheit abschliessen, bevor ihn alle für wahnsinnig halten.

Als ich dieses Buch gesehen habe, musste ich es einfach haben. Doof nur, dass sich keine einzige der Buchhandlungen hier in der Umgebung dazu bereiterklärt hat, es zu bestellen.
Das kommt aus der Schweiz, das können wir nicht bestellen. Oder:
Das ist ein Selbstverlag, das führen wir hier nicht. - Dank der wunderbaren Rahel Hefti weiß ich allerdings, dass der Literaturverlag kein Selbstverlag ist und meine Buchhandlungen einfach zu doof, zu faul oder nicht wirklich gewinnorientiert genug sind. Jedenfalls habe ich es dann endlich doch bekommen! Mit Widmung von der Autorin persönlich. ♥

Mit keinem Wort werden Geister explizit erwähnt, aber irgendwie ist der Eindruck von Anfang an da. Ein verlassenes Dorf? Na klar spukts da! Oder nicht? Oder doch? Ungefähr so ging es mir während des Lesens. Die Spannung ist kaum zu ertragen und immer dann, wenn man sich total clever fühlt und glaubt, die ganze Geschichte durchschaut zu haben, kommt Rahel mit neuen Infos. Ich stell sie mir dann immer kichernd zuhause auf dem Sofa vor. Wirklich! Das ist schlimm! :D

Der Schreibstil ist so witzig und toll zu lesen. Manchmal sind die Satzstellungen schon sehr komisch, aber irgendwie doch richtig. Und dann fällt mir wieder ein, dass ich eigentlich gerade kein deutsches Buch lese, sondern eins auf Schweizerdeutsch! Das fällt schon bei den vielen ss auf, die eigentlich ß sein sollten. Es gibt einfach kein ß und ich musste jedes Mal schmunzeln, wenn ich es aufs Neue entdeckt habe. Zudem gibt es einige Begriffe, die den typischen schweizer Charakter mit sich tragen wie z.B. das Spital (Krankenhaus) oder Matura (Abitur). Einkaufen gehen die Leute in schweizer Läden wie Coop oder Migros und fahren mit der SBB, statt mit der deutschen Bahn.
   Ich fand diese - für mich viel zu seltenen - Augenblicke immer wieder wundervoll und habe beim Lesen schon auf mehr gewartet. Es verleiht dem Buch einen ganz bestimmten, tollen Charakter.

Rahel versteht es, kleine Infos dezent zu hinterlegen, sodass man wirklich mitfühlt. Als Beispiel habe ich eine kleine Szene, die nicht wichtig für die Handlung ist:
Die Schüler haben vergessen zu lernen, kommen in die Schule und sehen, dass sie eine Prüfung in Mathe schreiben. Statt dass sie hier lang und breit erklärt, um welches Thema es sich handelt, sagt ein Mädchen einfach:
"Ich hab keine Ahnung von Stochastik!"
Da blieb mir persönlich die Luft weg. Ich konnte das so mitfühlen und dachte, ich muss gleich selbst diese Prüfung schreiben. :/
   Solche Stellen findet man oft im Buch und ich mag diese clevere Art, Hintergrundwissen in unscheinbaren Sätzen zu verstecken.

An manchen Stellen der Geschichte liegen zwischen den Seiten kleine Bildchen, die manchmal einen Ort zeigen, manchmal ein bestimmtes Bild oder auch nur das Kleidungsstück, über das gerade philosophiert wird.
   Apropos Kleidungsstück. Kann mir jemand erklären, ob Stefan seine Klamotten mal wäscht? Es kam mir so vor als hätte der das halbe Buch lang dieselben Sachen an. :'D

Es gibt am Anfang der Geschichte einige Personen, die mich sehr genervt haben. Gut, dass das größtenteils nur Randpersonen waren, die man schnell wieder verdrängen konnte. Wie der Rektor der Schule, der irgendwie alle Opfer zu Tätern macht und wohl lieber ein schlechter CSI-Agent geworden wäre. Am Schlimmsten jedoch: Arno. Ich hatte mehr als einmal das Bedürfnis, in das Buch zu boxen.
   Mit Rebecca konnte ich mich leider viel zu gut identifizieren, weshalb ich an manchen Stellen eine regelrechte Abneigung gegen Stefan entwickelt hab. Er wirkt manchmal sehr trotzig (alle anderen sind schuld, nur ich nicht), aber im Großen und Ganzen mag ich ihn doch.

Was ich auch wirklich toll finde an dieser Geschichte sind zwei Dinge, die ich gerne hervorheben würde:
1. Endlich ist mal eine Protagonistin, die als hässlich und unbeliebt beschrieben wird, nicht trotzdem total wunderschön und alle finden sie heimlich klasse. Das passiert in den meisten Büchern, die ich bisher gelesen habe. Beliebtestes Beispiel: Die Biss Reihe. Ätzend.
2. Ich habe beim Lesen oft darüber nachgedacht, ob die Story auf wahrer Begebenheit basiert oder zumindest auf wirklichen Legenden. Es ist so wunderbar realitätsnah geschrieben, dass ich wirklich für einige Momente davon überzeugt war, die Geschichte sei nicht frei erfunden.

Das Einzige, was ich an dem Buch zu bemängeln habe, ist, dass man es nur mit einer CD erhält und das Buch somit 25 Euro kostet. Für 25 Euro würde ich eigentlich ein Buch mit komplettem Album bekommen, aber auf der CD ist nur ein einziges Lied. - Als ich das herausgefunden habe, war ich schon schockiert und musste überlegen, ob ich es wirklich haben möchte.
Zur CD muss ich aber zähneknirschend zugeben: Das Lied ist hammer mega super geil und passt perfekt zum Buch. Es könnte keinen besseren Soundtrack geben. Ich habs gleich auf meinen iPod gezogen und hör es auf und ab.

Kurz gefasst ist "das verlorene Dorf" ein perfektes Buch mit einem unnötig hohen Preis - den es allerdings dann doch vollkommen wert ist. Die für die Schweiz charakteristischen Begriffe verleihen der Geschichte ihren eigenen Flair und der Schreibstil wirkt sich so lebensecht auf die Handlung aus, dass man Wahrheit oft nicht mehr von Fiktion unterscheiden kann.
Fairerweise muss ich noch gestehen, dass dieses Buch eines der spannendsten und schönsten Bücher ist, das ich je gelesen habe - wenn nicht sogar das Spannendste, weshalb ich die Igelzahl noch zu wenig finde für dieses Kunstwerk. Und das als DEBÜT-Roman!




Kommentare:

  1. Hallo Sarah,
    eine sehr schöne Rezension, da wird sich unsere Rahel bestimmt freuen ;)
    Hab das Buch auch gelesen und finds einfach toll!! Wie du schon sagst, ein richtiges Kunstwerkt! Rahel ist einfach die geborene Autorin ;)
    Ganz liebe Grüße
    Katha ♥ von Buecher_Bewertungen1

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  2. Hallo Sarah!

    Zunächst einmal WOW! Vielen Dank für diese unglaubliche Buchbesprechung und die vielen Igelchen ♥.

    Ich schätze Meinungen wie deine sehr, gerade weil sie nicht NUR positiv sind, sondern auch Stoff zum Diskutieren bieten. Auf solche versuche ich darum auch - wann immer möglich - einzugehen. Lieber eine begründete Kritik als ein unverdientes Lob. Das ist übrigens nicht falsch zu verstehen: Ich glaube an meine Talente und weiss, dass ich Leute unterhalten kann. Aber ich erwarte ich nicht, dass alle davon begeistert sind. Geschmäcker sind verschieden – und das ist gut so.

    Wie versprochen, möchte ich deine Rezension nicht unkommentiert lassen und auf ein paar Dinge eingehen.

    Der Preis: Diesen kann ich leider nicht beeinflussen. Er entsteht aus dem Zusammenspiel von Fixkosten eines kleinen Verlags, der Förderung lokaler Produzenten (Schweizer Franken!) und der Reaktion einiger Buchhandlungen auf die Tatsache, dass eine Gratis-CD beiliegt. Mein nächster Roman (Achtung: Anderes Genre!) erscheint übrigens bei einem deutschen Verlag und wird zu handelsüblichen Preisen erhältlich sein :)

    Zum Schweizer Einfluss: „Das verlorene Dorf“ war zunächst nur für den Schweizer Markt gedacht. Dass das Buch auch in Deutschland ankommt, freut mich total. Mir sagten nämlich alle, dass ich mit dieser Story keine Chance hätte, weil sie zu wenig „deutsch“ sei. Aber in einer Geschichte aus der Schweiz von Abitur statt Matura zu sprechen, hätte sich einfach falsch angefühlt.

    Stefans Bekleidung (haha): Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Typ weiss, wie man eine Waschmaschine bedient. Obwohl das Buch über 460 Seiten hat, vollzieht sich die ganze Handlung innerhalb von wenigen Wochen. Das schöne Karohemd (;D) trug Stefan demzufolge vielleicht max. 3 Tage, obwohl es nach einer deutlich längeren Zeitspanne aussieht. Und falls es doch länger war: Er benutzt ein gutes Aftershave, oder? ;) (ieek)

    Deine Meinung zu Stefan: Ich finde es toll, dass du ihn nicht so schnell ins Herz geschlossen hast. Ich hasse nämlich zwei Arten von Geschichten: A) Die mit den überperfekten Typen, deren grösster Fehler es ist, dass sie ihr Weibchen King-Kong-Style beschützen. B) Die mit den Mädchen, die sich absolut naiv auf einen zweifelsfrei gefährlichen Typen einlassen. Stefan ist kein Ritter in der goldenen Rüstung, der mal so daher galoppiert, um die Welt zu retten. Er ist ein Mensch und macht (ziemlich grosse) Fehler. Auf jemanden wie ihn sollte sich ein Mädchen nie, nie, NIE einlassen, ohne die Sache wenigstens tausendmal zu überdenken - ganz egal wie heiss er ist (und ich finde Stefan zugegebenermassen sehr heiss).

    Rebecca, die Anti-Bella: Mit diesem Kommentar hast du mein Herz zum Hüpfen gebracht. Rebecca entwickelte ich nämlich tatsächlich als Gegenstück zu Twilight-Bella. Die Begründung liest du oben ;) Hierzu muss ich anmerken, dass ich die Twilight-Saga sehr mochte. Ich habe bloss Mühe mit A) und B)-Storys (s. oben), weil sie falsche Vorbilder vermitteln.

    Zum Hintergrund: Wylen heisst in echt „Wilen“, wurde im Buch aber anders dargestellt. Dafür gibt es den Sihlsee-Staudamm und würde dieser brechen, gäbe es eine riesige Katastrophe. Alle Orte um das verlorene Dorf herum existieren ebenfalls. Stefan und Rebecca hängen an Plätzen herum, die ich in ihrem Alter besuchte: Die Schule, das Kino, das Einkaufshaus… Auch das mit den „Altlasten“ ist nur teilweise erfunden. Vielleicht wirkt die Geschichte darum so lebensnahe? :)

    Zum Soundtrack: Es freut mich total, dass dir „Ghosts“ gefällt. Die Zusammenarbeit mit der Band Sarz war einer der schönsten Momente in meinem Leben. Ich hoffe sehr, ein solches Projekt irgendwann wiederholen zu können.

    So, das wär’s :) Ich bedanke mich noch einmal herzlich für deine Leserstimme, die vielen netten Worte und die tollen Punkte, die du angesprochen hast. ♥

    Liebe Grüsse,

    Rahel

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  3. Heyooo,
    wir haben dich zu dem Serien Tag getaggt!
    http://vandmbooks.blogspot.de/2016/01/serien-tag.html#more

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  4. Hallo Sarah! :)

    Ich bin auf deine Seite gekommen, da ich deinen Kommentar bei einer meiner Rezensionen gesehen hab.
    Ich kann nur sagen: WOW! Man sieht, dass Du dir richtig viel Mühe gibst und es sieht einfach toll aus. Noch dazu schreibst du wundervolle Rezensionen! Mach weiter so! :)

    Liebe Grüße,
    Sarah :) ♥

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